
Christine Wagner und Nina Thielicke
Projektleiterinnen „echt absolut“
Sehr geehrte Frau Schöck, sehr geehrte Mitglieder der Jury, liebe Gäste,
Wir freuen uns sehr über die Anerkennung und Aufmerksamkeit, die mit der Auszeichnung einhergeht. Wir freuen uns deshalb ganz besonders, weil mit dem Preis auch die beteiligten Jugendlichen und Übersetzer:innen geehrt werden.
Wir hoffen, die projizierten Bilder konnten einen kleinen Einblick in die verschiedenen Workshops des Projekts geben. Auf den Fotos konnten Sie unter anderem sehen, wie aus der Zeile „Eine Weile später…“ „Eine Welle später“ wurde – samt passender Illustration und der Übersetzung ins Spanische (la ola). Und das ist nur ein Beispiel für die enorme Kreativität, die sich in den Projekten zeigt – ganz gleich, wie alt die Jugendlichen sind, welchen Bildungshintergrund sie mitbringen oder wie gut sie die Sprache beherrschen.
Zu selten wird jungen Menschen auf Augenhöhe begegnet, werden ihre Lebensrealitäten – insbesondere in Krisenzeiten – ernstgenommen Da haben sie übrigens einiges mit den Literaturübersetzer:innen gemein: häufig werden diese nur als Akteure im Hintergrund wahrgenommen und stehen im Schatten der Autor:innen. Mangelnde Sichtbarkeit und ungenügende Honorierung gehen (leider) eng miteinander einher.
Auch in der kulturellen Bildung führte die Literaturübersetzung lange ein Nischendasein – verständlich, denn Formate wie Musical, Trickfilm oder Poetry Slam wirken auf den ersten Blick oft zugänglicher und reizvoller, gerade für Jugendliche. Mit dem Projekt „Echt absolut“ wollten wir das ändern. Denn Literaturübersetzung ist Lesen UND Schreiben und noch viel mehr.
Vor sieben Jahren starteten wir mit 12 Übersetzer:innen in eine ungewisse und anfänglich auch etwas holprige Reise, mit dem Ziel, gemeinsam Workshopangebote für Jugendliche zu entwickeln, diese mit Ihnen gemeinsam zu erproben und die entstandenen Übungen und Methoden im Anschluss auf einer Webseite zu versammeln, so dass auch andere Übersetzer:innen und Lehrende davon profitieren können. Inzwischen haben 24 mehrtägige Workshops (und zusätzlich viele kurze) mit mehreren Hundert Jugendlichen stattgefunden in über einem Dutzend Sprachen. Mehr als 300 Materialien sind auf der Webseite des Projekts zu finden.
Vermutlich fragen Sie sich – so wie die Übersetzer:innen damals – was kann ich mir unter einem Übersetzungsworkshop vorstellen und was sind das für Materialien?
Natürlich geht es auch darum, gemeinsam einen Text, wie einen Reim oder ein Theaterstück in einer Sprache erstmalig in eine andere zu übertragen und diese Übersetzung dann zum Beispiel in einer szenischen Lesung zu präsentieren – oder Songtexte zu übersetzen und das Ergebnis im Radio zum Besten zu geben.
Tatsächlich geht es bei den Workshops auch um etwas anderes: es geht um die kleinen Schritte, die die Übersetzerin auf dem Weg zu einer gelungenen Übersetzung macht, und es geht darum, sich diesen anzunähern. Und es geht um das Eintauchen in das Fremde, um das Interkulturelle und den kreativen Umgang mit Sprache – insbesondere der Muttersprache. Und hierfür ist es auch gar nicht immer notwendig, die Zielsprache perfekt zu kennen.
So ist ein guter Einstieg, gemeinsam eine Interlinearübersetzung eines Textes zu betrachten: welche Begriffe und Eigenheiten einer Sprache können nicht Wort für Wort übernommen werden? Was mache ich zum Beispiel mit der Bezeichnung „Medialunas“? In Argentinien ist das ein halbmondförmiges Butterhörnchen. Aber ist es dasselbe wie ein Croissant? Oder ein Cornetto? Und kann ich das einfach mit „Hörnchen“ übersetzen, oder soll ich lieber doch „gebogenes Blätterteigteilchen“ oder „Plundergebäck“ sagen, oder fehlt dann das Lokalkolorit? Und: stimmt ja, „croissant de lune“ ist der zunehmende Mond… Schnell wird klar, dass es auch immer eine Auseinandersetzung mit der Zielsprache, oft der eigenen Sprache ist, manchmal mehr ein Spielen damit, ein Bewusstwerden um die Möglichkeiten und Besonderheiten und manchmal auch – besonders in lyrischen Texten – ein Neuschreiben.
Ganz nebenbei erwerben die Jugendlichen auch Branchenwissen: deutsche Texte sind beispielsweise um ca. ein Viertel länger als englische. Das macht natürlich beim Füllen einer Comic-Sprechblase einen Unterschied – evtl. muss man eng mit dem Letterer zusammenarbeiten.
Wir hatten auch schon den Fall, dass die Übersetzerin von Samantha Schweblins Kurzgeschichten (Marianne Gareis) zugab, dass die Übersetzungslösung der jungen Workshopteilnehmer:innen im Jugendkulturzentrum besser war als ihre eigene – und versprach, dass die Verbesserung ihren Weg in die nächste Buchauflage finden würde: win-win.
Eine beliebte Übung ist die Arbeit mit Sprichwörtern, das hat ja Frau Schöck auch schon anschaulich gezeigt. Besonders anregend wird es dann, wenn mehrsprachige Kinder den anderen erklären können: im Arabischen sagt man nicht „Spiel nicht mit dem Feuer“, sondern: „Spiel nicht mit dem Schwanz des Löwen“. Oder dass man (wörtlich) Handsocken trägt und nicht Handschuhe, und dass man die Suppe nicht isst, sondern trinkt. (Und das hat uns im Übrigen auch noch keine KI verraten).
Mehrsprachigkeit als Stärke und Bereicherung zu begreifen – und die Jugendlichen genau dafür zu würdigen und zu bestärken – ist ein zentrales Anliegen der Initiative. Denn in den meisten Schulen gehört Mehrsprachigkeit längst zur gelebten Realität.
Mittlerweile ist das Projekt an vielen Orten angekommen – auch außerhalb der Großstädte und außerhalb der Schulen: z.B. in Bibliotheken, Literaturhäusern, Jugendzentren, Kunstschulen, und wird auch in jüngeren Altersstufen gut angenommen.
Die entstandenen didaktischen Materialien – Methoden, Übungen, Arbeitsblätter, Lektüre- und Linklisten – sind frei verfügbar. So können die Konzepte Literaturübersetzer:innen dienen, ein zweites Standbein mit Projektangeboten aufzubauen – aber vor allem können Lehrkräfte ihren Unterricht bereichern, sei es durch einzelne spielerische Übungen oder durch ganze Projektwochen.
Wir planen, das Preisgeld in ein größeres Netzwerktreffen zu investieren, um die kulturelle Bildung im Bereich der Literaturübersetzung weiter voranzubringen – und, ganz im Sinne der Partizipation, dort auch direkt mit den jungen Menschen über ihre Bedürfnisse und Themen zu sprechen. In diesem Sinne nehmen wir den Preis auch im Namen aller jungen Menschen entgegen, die ihre Neugierde, ihre Energie, ihren Humor und ihre Kreativität in die Arbeit mit Übersetzungen gesteckt haben. Und natürlich im Namen der Übersetzer:innen, ohne die dieses Projekt gar nicht existieren könnte. Vielen Dank!

Felicitas Schöck
Mitglied der Jury
Liebe Preisträger, liebe Mitwirkende, liebe Gäste!
Welch eine Freude, heute hier zu stehen und die Initiative „Echt absolut – Literarisches Übersetzen mit Jugendlichen“ zu loben.
Es freut mich besonders, weil hier nicht nur sprachliche Aspekte gewürdigt werden, sondern weil es auch um Völkerverständigung geht. Das war meinem Vater bei der Gründung der Eberhard-Schöck-Stiftung 1992 ein ganz wichtiges Anliegen. Nun brauchen wir das so sehr wie seit Jahrzehnten nicht mehr…
Der Name des Projektes „Echt absolut“ entstammt dem folgenden Zitat von Novalis: „Die Poesie ist das echt absolut Reelle. Dies ist der Kern meiner Philosophie. Je poetischer, je wahrer.“
Diese Idee, dass das Poetische das eigentlich Wahre sei, ist ein grundlegender Gedanke aus der deutschen Romantik. Eigentlich geht das völlig gegen den Zeitgeist. Umso interessanter ist der Brückenschlag zur Jugendsprache, der in der Herauslösung von „echt absolut“ anklingt. Mit dem Projekt „Echt absolut“ wird die Idee des Poetischen in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen geholt.
Bevor wir nun richtig starten, möchte ich Sie alle bitten, kurz die Hand zu heben, wenn Sie schon einmal versucht haben, eine fremde Sprache zu sprechen und dabei etwas ganz anderes gesagt haben, als Sie eigentlich sagen wollten (Pause). Keine Sorge, Sie sind nicht allein; ich wette, wir alle haben unsere lustigen – oder auch mal peinlichen – Missverständnisse erlebt. Und genau darum geht es: etwas wagen, Neues entdecken, von- und miteinander lernen.
Das Projekt „Echt absolut“ ist eine gemeinsame Initiative des Literarischen Colloquiums Berlin und des Deutschen Übersetzerfonds und wurde 2018 ins Leben gerufen; mit einer Idee, die so einfach ist wie genial: jungen Menschen die Tür zur literarischen Welt des Übersetzens öffnen.
Um Kinder und Jugendliche aller Herkünfte und Hintergründe zu erreichen, wird dafür oft eng mit Schulen zusammengearbeitet.
Unter Anleitung professioneller Literaturübersetzerinnen und -übersetzer widmen sich die jungen Menschen vielen verschiedenen Sprachen und verschiedensten Arten von Texten, so Kurzgeschichten, Märchen, Theatertexten, Liedertexten, Gedichten, Comics – besonders beliebt sind japanische Mangas – und vielen mehr.
Was dabei entsteht, ist mehr als nur das Übertragen von Wörtern. Es ist das Erleben der Eigenheiten einer Sprache, das Erspüren ihrer Feinheiten, das Lesen zwischen den Zeilen, die Auseinandersetzung in der Tiefe mit Details, das Entdecken anderer Denkweisen und Kulturen.
Als Kunsttherapeutin freut mich auch der Umstand, dass die Jugendlichen dabei gesehen und ernst genommen werden. Und sie ringen gemeinsam um eine Lösung, erarbeiten, erleben und teilen Erfolge. Die Arbeit mit der Sprache in diesem Projekt dient ihnen also auch als Erlebnisraum, als Raum für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und sozialer Kompetenzen.
Hier einige Aussagen von Teilnehmern der Kurse:
Ein weiteres Element dieser Initiative ist die Entwicklung von Workshops und Lernmaterialien für Übersetzerinnen und Übersetzer. So werden neue Formate geschaffen, welche in Schulen, Arbeitsgemeinschaften oder kulturellen Bildungsprojekten genutzt werden. Auf der Internetseite von „Echt absolut“ sind diese Materialien abrufbar und allein darin zu stöbern ist ein anregendes Erlebnis.
Ich habe viele Jahre in Frankreich gelebt und weiß daher nur zu gut, wie vielschichtig Übersetzungen sein können. Worte lassen sich keineswegs immer eins zu eins übertragen, manchmal braucht es eine kreative Lösung, manchmal eine komplette Neugestaltung. Besonders anschaulich zeigt sich das an Redewendungen und Sprichwörtern. Erlauben Sie mir zwei Beispiele:
„ Avoir un oursin dans le portefeuille » heißt wörtlich übersetzt : einen Seeigel im Geldbeutel haben. Stellen Sie sich mal vor, Sie wollen beherzt in Ihren Geldbeutel greifen… Ahnen Sie die Bedeutung? (Pause) Richtig: Geizig oder knauserig sein.
« C‘est en forgeont que l’on devient forgeront! » heißt wörtlich übersetzt: durch Schmieden wird man Schmied. Das deutsche Pendant: „Übung macht den Meister“.
Übersetzen ist ein Ausbalancieren von sprachlicher Genauigkeit und künstlerischem Ausdruck, um die ursprüngliche Botschaft zu bewahren.
Übersetzen ist ein Spiel mit Sprachmelodie, Klang, Rhythmus – und Emotionalität.
Übersetzen ist eine Entdeckungsreise in die Nuancen der Sprache und der Kultur.
Übersetzen erweitert den Horizont – und schafft Verbindung.
Mit der Auszeichnung dieser Initiative wollen wir die Bedeutung der poetischen und literarischen Sprache für junge Menschen hervorheben.
Junge Menschen sind nicht nur unsere Zukunft, sondern sie bereichern auch unsere Gegenwart, wenn wir ihnen die richtigen Werkzeuge an die Hand geben. Solche Werkzeuge sind sowohl eine Investition in ihre Sprachfähigkeit und Kreativität als auch in ihre Persönlichkeitsentwicklung. Und letztendlich in ihre Fähigkeit, Brücken zu bauen – Brücken, die uns alle näher zusammenbringen.
Lassen Sie uns also gemeinsam die Brücken feiern, die hier zwischen Sprachen, Kulturen und Generationen gebaut werden.
Ich möchte dem gesamten Team herzlich gratulieren. Möge Ihr Projekt noch viele junge Menschen begeistern und die Bedeutung der Literaturübersetzung in der Bildungsarbeit stärken.
Stellvertretend für die Initiative „Echt absolut“ darf ich nun die beiden Projektleiterinnen Nina Thielicke und Christine Wagner auf die Bühne bitten.

Prof. Dr. Kathleen Wermke
Leiterin des Zentrums für vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen
Vielen herzlichen Dank von mir, stellvertretend für unser Zentrum, mit Dank von Tabea, Tamara, Lea, Isabelle, Nathalie, Rawan, Sarah und vielen anderen und natürlich Charlotte und Peter, die heute mit mir hier sind, sowie auch von Wolfgang Lermer, der den Kurzfilm erstellt hat und der uns über die viele Jahre unterstützt hat. In den 22 Jahren, in denen das Zentrum inzwischen besteht, war ein sehr großes Team daran beteiligt, die ersten Schritte auf dem Weg zur Sprache der Babys zu erforschen. Und insofern bin ich hier heute für dieses große Team, das HURRA geschrien hat, als wir erfahren haben, dass der Preis tatsächlich an unser Zentrum geht.
Vielen Dank an die Stiftung, und natürlich auch an die Akademie für diese Anerkennung! Sie können sich vielleicht ganz gut vorstellen, dass in Zeiten von Klimawandel, KI und anderen globalen Herausforderungen die ‚Babylautforschung‘ nicht gerade auf Platz eins auf der Kandidatenliste für Sponsorengelder und herkömmliche Forschungsförderer steht. Kindliche Sprachentwicklung wird auch immer noch zu eng erst ab der Wortproduktion als relevant angesehen. Ein großer Fehler aus unserer Sicht, denn die Entwicklungsschritte vor dem ersten Wort sichern, dass es überhaupt gebildet wird. Und insofern hilft die Anerkennung vielleicht dabei, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für diese Forschung zu erzeugen, für das, was nicht einfach eine Spielerei der Grundlagenforschung ist. Unser Team ist inzwischen überzeugt davon, dass die Babylaute ab der Geburt, also der ersten Schritte auf dem Weg zur Sprache, unverzichtbar sind, um Störungen der Sprachentwicklung frühzeitig zu prädizieren und zu diagnostizieren.
Sie ahnen sicher, dass Sprache nicht mit dem ersten Wort beginnt, sondern, dass es davor eine Reihe von ‚vorsprachlichen‘ Entwicklungsphasen gibt, die durchlaufen werden müssen, von allen Babys auf der Welt. Es ist dabei völlig egal, welche der etwa 6.500 bis 7000 Sprachen, die es heute noch gibt (jede Woche, jeden Tag sterben Sprachen, weil Kinder sie nicht mehr lernen). Jedes Baby könnte jede dieser Sprachen erlernen und es würde dabei fast identische ‚vorsprachliche‘ Wege gehen – die Muttersprache hinterlässt ja bereits im Weinen ihre Spuren. Und auch Sie würden heute nicht hier sitzen, Sprache verstehen und ihrer mächtig sein, wenn Sie nicht genauso angefangen hätten, wie das Babys, deren Klänge wir am Anfang der Rede von Herrn Glück gehört haben. Vielen herzlichen Dank an dieser Stelle für die wunderbare, berührende Laudatio, lieber Herr Glück.
Und Sie alle haben natürlich sofort bemerkt, dass die Babyklänge am Anfang, das Schreien eines japanischen Babys waren! Ich gehe davon aus, dass Sie das sofort entdeckt haben, da sie sich mit Sprachmelodie, der Musik der Sprache auskennen. Natürlich, da Sie heute hier sind; da Sie alle – davon gehe ich auch aus – ein großer Fan von Herrn Kerkeling sind. Seine Begabung, das Spiel mit der Prosodie der Sprache(n) in unterschiedlichsten Variationen auszuleben, basiert selbstverständlich auch darauf, dass er als Baby – da bin ich mir sicher (gibt es vielleicht alte Tonaufnahmen?) – nicht einbögig, nur einfach hoch-runter geschrieen hat, sondern tatsächlich von Anfang an schon in komplexeren melodischen Mustern.
Weinen in einfachen und komplexen Mustern, das haben auch Sie alle, seien Sie nicht enttäuscht, durchlaufen müssen, um Sprache zu erlernen – Ihre komplexen Muster kamen möglicherweise etwas später als die von Baby Kerkeling. Ungefähr mit zwei Wochen beginnen alle Babys auf der Welt statt einbögig hoch-runter auch doppelbögig zu weinen. Sie schreien dann also nicht nur ‘ua’, sondern ‘ua-ua‘ und dann werden es sehr schnell drei Bögen ‚ua-ua-ua‘. Auch Sie alle haben einmal so begonnen! Und irgendwann in den ersten Wochen kommen dann Klicks und Geräusche und Konsonanten dazu. Und dann kommen die ersten Silben wie /ma/ oder /pa/ oder /ba-ba/ – das fränkische ‘Papa’ – und es kommen längere melodische Phrasen und verschiedene interessante Gluckser dazu. Bis zum ersten Wort ist es ein langer Weg, der einfach erscheint, aber für das Baby mit großer Anstrengung verbunden ist.
Akustisch ist dieser Weg für Zuhörer sehr interessant. Mein Buch Babygesänge ist zwar kein Hörbuch, aber die QR Codes für die Gesänge, die es enthält, machen vielleicht Lust, von nun an etwas genauer hinzuhören. Das ist dann nicht nur mit Freude verbunden, sondern auch mit Einsicht. Es ist interessant, wenn man Kinder/ Enkel hat oder Babys von Freunden und Bekannten in ihrer Entwicklung begleitet: „Oh, ist das heute schon ein Zweierbogen im Schrei? Wahrscheinlich! Du, hast du das auch gehört? Nee, du, das war ein Dreierbogen mit einer laryngalen Konstriktion. Also im Grunde genommen, glaube ich, der Vokaltrakt reift jetzt.“
Diese Forschung hat auch einen medizinischen Hintergrund. Für Babys, die mit einer hochgradigen Hörstörung geboren werden zum Beispiel. Man kann die Versorgung dieser Kinder mit einem Hörgerät oder Cochlea-Implantat in einer HNO-Klinik durch parallel aufgezeichnete Lautierungen begleiten. Auf diese Weise erfasst man nicht nur die Hörleistung sondern auch die (vor)sprachlichen Fähigkeiten. Auch Babys mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, einer zu frühen Geburt, seltenen Erkrankungen oder anderen Risikofaktoren für den Spracherwerb zeigen Besonderheiten in ihrer sehr frühen Sprachentwicklung. Sind sie auf dem richtigen Weg bei ihren ersten Schritten?
Wie man Babylaute, die noch keine Vokale, Silben oder Wörter enthalten, aus entwicklungsdiagnostischer Sicht am besten analysiert, haben wir im Würzburger Labor erarbeitet und getestet, vor allem in den letzten 20 Jahren. Wir hoffen, dass wir noch ein bisschen weiter durchhalten können. Einfach waren diese Jahre nicht; es war ein sehr steiniger Weg, eben weil vorsprachliche Babylaute keine große „Lobby“ haben und dazu auch noch eine Frau, die das Ganze leitet. Also Frau und Babygesänge, ist das solide Forschung?…
Ich hoffe sehr, dass Sie heute nach Hause gehen und diese Sicht überdenken – sollten Sie diese überhaupt haben – und vielleicht auch Lust und Zeit haben in unseren Veröffentlichungen nachzuschlagen. Es ist eine wunderbare Welt der Klänge, der Gesänge, die Babys erzeugen, bevor die Sprache losgeht. Und ohne diese Gesänge kann ein Baby nicht zur Sprache kommen!
Dann in der eigentlichen Sprache dasselbe Prinzip, das schon im Weinen geübt wurde: Es gibt Einwortsätze – ein Baustein. Es gibt Zweiwortsätze – Doppelbaustein, Dreiwortsätze – drei Bausteine. Also alles das, was Babys von Anfang an zeigen, kommt auf bestimmte Weise in der Sprache wieder. Babys zeigen im Grunde genommen auch bereits eine Art von Rekursionen in ihren melodischen Mustern und in gewisser Weise auch ein hierarchisches Ordnungssystem, das an eine einfache Syntax erinnert. Es ist sehr viel schon da, bevor das erste Wort zu hören ist, wenn auch zunächst nur in einfachen Vorläufern.
Damit ist hoffentlich deutlicher geworden, dass man die Entstehung von Sprech- und Sprachstörungen, den verspäteten Sprachbeginn oder die Besonderheiten des Spracherwerbs in einer multilingualen Umgebungen nur wirklich verstehen kann, wenn man zu ihren Wurzeln vordringt. Phänomene in den Baumkronen zu beschreiben, ohne die Baumwurzeln zu beachten, kann nicht gelingen. Davon sind mein Team und ich überzeugt.
Und glauben Sie mir, man versteht inzwischen mehr von Bonobo-Rufen im Urwald und dem Gesang von Zebrafinken als tatsächlich von den frühen Gesängen menschlicher Babys. Dabei liegen diese doch auf dem direkten Weg bis zu „Papa“ oder etwa ’Papa ante portas’ oder vielleicht sogar ‘hurz’.
Es ist noch sehr viel zu tun. Ich danke für die Anerkennung im Namen des Teams!

Prof. Dr. Dr. h.c. Helmut Glück
Sprachwissenschaftler, Mitglied der Jury
Die Laudatio begann mit einer Einspielung von Babygebrüll. SO wurde sie fortgesetzt:
Das, was Sie gerade gehört haben, war kein Fehler unserer Regie. Sie haben das gehört, worüber unsere Preisträgerin Frau Professor Wermke forscht. Für diese Forschungen bekommt das Zentrum für Vorsprachliche Entwicklung und Entwicklungsstörungen an der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Würzburg heute den Institutionenpreis Deutsche Sprache. Frau Wermke hat dieses Zentrum aufgebaut und geleitet. Sie hat sich in ihren Forschungen allerdings nicht nur mit der deutschen Sprache, sondern vor allem mit der Sprache als solcher befasst, namentlich der Frage, wie der Mensch zur Sprache kommt. Das ist eine sehr weitläufige Frage.
Wie sind denn Sie alle eigentlich zu Ihrer Sprache gekommen? Das ist doch klar, werden Sie sagen: Sie haben Ihrer Mutter zugehört, Ihrem Vater und Ihren älteren Geschwistern. Doch wo haben Ihre Eltern ihre Sprache her? Dumme Frage: Von deren Eltern natürlich, die wiederum von ihren Eltern. Und so weiter. Man landet dann bei der Frage, welche Urmütter und Urväter es waren, die zum ersten Mal sprachlich miteinander verkehrt haben, also bei der großen Frage nach dem Ursprung der Sprache. Diese Frage ist eine Doppelfrage. Erstens stellt sich die Frage, wann das Menschengeschlecht damit anfing, sich sprachlich auszutauschen, und zweitens stehen wir vor der Frage, wie jeder einzelne neue Mensch zur Sprache kommt. Und für ihre Antworten auf diese zweite Seite der Frage bekommt Frau Professor Wermke heute unseren Preis.
Seit wann verfügt die Menschheit über Sprache? Das ist nicht genau festzustellen. Die Schätzungen schwanken zwischen 150.000 und 2 Millionen Jahren.[1] Man weiß, dass unsere prähistorischen Vettern, die Neandertaler, die anatomischen Voraussetzungen für die Sprache besaßen. Ob sie sie genutzt haben, weiß man allerdings nicht. Frau Wermke nimmt an, dass sie auf jeden Fall singen konnten.[2] Und man weiß auch nicht, wie die Anfänge der Menschensprache aussahen. Sicher ist lediglich, dass ihre Anfänge ziemlich bescheiden waren, im Wortschatz wie im Satzbau. Die ersten modernen Menschen in Mitteleuropa lebten übrigens vor etwa 40.000 Jahren in Ihrem Bundesland Baden-Württemberg, und zwar auf der Schwäbischen Alb, in der Gegend um Blaubeuren und Ulm. Schwäbisch sprachen sie allerdings noch nicht.
Wie die Menschensprachen beschaffen sind, kann man gerade einmal für etwa 6000 Jahre zurückverfolgen. So weit reichen die ältesten Schriftzeugnisse zurück. Und man weiß, dass die Sprachen vor 6000 Jahren bereits aufgeteilt waren in ganz verschiedene Sprachzweige. Die alten Ägypter sprachen anders als die Sumerer am Persischen Golf, die alten Chinesen sprachen anders als unsere Vorfahren, die Indogermanen. Und alle diese Sprachen wurden weitergegeben von Eltern an Kinder, von Kindern an Enkel, von Enkeln an Urenkel. Und so weiter. Frau Wermke sagt dazu: „Jedes Baby trägt die gesamte Geschichte der Sprachevolution in sich“.[3]
Aber wie kommt nun ein Kind an die Sprache? Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Denn jedes Kind kann jede beliebige Menschensprache erwerben. Es bringt das genetische Rüstzeug dafür mit. Frau Wermke formuliert das so: „Das Talent, jede Sprache der Welt fehler- und akzentfrei zu erlernen, ist Babys angeboren“ (S. 175).[4] Ein Kind deutscher Eltern wird Chinesisch lernen, wenn es seine ersten Jahre in einer entsprechenden Umgebung verbringt. Ebenso wird ein Kind chinesischer Eltern das Deutsche erlernen, wenn es in einer deutschsprachigen Umgebung heranwächst. Doch im Normalfall wachsen Kinder bei ihren Eltern auf und erwerben deren Sprache. Wie machen sie das?
Als Neugeborene und als Säuglinge sprechen sie ja noch nicht. Sie nutzen andere Möglichkeiten sich zu äußern. Wir Erwachsenen nehmen das vor allem als Brüllen und Weinen wahr, doch können Babies auch gurren und brabbeln. Das sind ihre Möglichkeiten sich lautlich auszudrücken. Frau Wermke nennt das „eine Art musikalischen Urgesangs“ (S. 15).[5] Und manchmal verstehen wir Erwachsenen, was das Baby uns durch sein Weinen mitteilen will: dass es Hunger hat, dass es gewickelt werden will, dass es müde ist. Und wenn es gluckst oder gurrt oder quietscht oder gurgelt oder prustet oder brabbelt, kann es uns sagen wollen, dass es sich behaglich fühlt. Sprache ist das alles noch nicht. Aber es sind notwendige Stationen auf dem Weg dorthin.
Und dieser Weg ist der Forschungsgegenstand unserer Preisträgerin. Sie hat herausgefunden, dass es zunächst einfache Tonkurven sind, die das Babyweinen charakterisieren. Es sind Tonkurven aus Melodien, Rhythmen, Lautstärken und Klangfarben. Neugeborene weinen glissando, in kontinuierlichen, glatten Tonkurven, später lassen sich bei ihnen treppenartige Tonhöhenstufen unterscheiden.[6] In der Erwachsenensprache sind solche Tonkurven ebenfalls vorhanden. Man nennt sie Prosodie, wörtlich: das Dazugesungene oder Obendrüber Gesungene. Wir nehmen solche Tonkurven vor allem wahr bei Fragen, wenn die Stimme nach oben geht: Peter kann das? Tatsächlich? Anke will das? Wirklich? Aber auch bei einzelnen Wörtern: Ja. Ja! Ja? Ja… Jaja. Und jedes dieser Jas hat eine andere Bedeutung. Ja? Ja!
Solche Tonkurven sind es, die Babies als erstes in der Sprache wahrnehmen, nicht die Lautfolgen, nicht die Wörter und Sätze, über denen diese Tonkurven liegen. Damit fangen sie schon im Mutterleib an, nämlich ab dem 6. Monat. Dann ist nämlich ihr Gehör so weit ausgebildet, dass es Töne wahrnehmen und ins Gehirn weiterleiten kann. Es hört eine Art von Unterwassermusik.[7] Und was hört ein Baby vor der Geburt am meisten? Seine Mutter und deren Sprache. Das hat Frau Wermke nicht nur an deutschen Babies untersucht, sondern auch an französischen, schwedischen, japanischen, chinesischen und afrikanischen Neugeborenen.[8] Dabei hat sie viele Unterschiede festgestellt, etwa den, dass deutsche Babies eine fallende Melodiekontur bevorzugen, während französische Babies sie lieber steigen lassen.[9] Warum? Weil im Französischen Endbetonung herrscht, während wir im Deutschen Stammbetonung haben und die Tonhöhe nach der Betonung abfällt. Sie hat herausgefunden, dass es Grundbausteine gibt, aus denen die Babies ihren „Gesang“ aufbauen.[10] Sie hat sogar herausgefunden, dass japanische Babies komplexere Wein-Melodien aufweisen, wenn ihre Mutter während der Schwangerschaft regelmäßig ein Musikinstrument gespielt hat.[11]
Die Forschungen von Frau Wermke sind Grundlagenforschungen in einem Übergangsbereich zwischen Biologie, Medizin und Linguistik. Wir zeichnen eine Pionierin in einem Forschungsfeld aus, das noch viele offene Fragen für uns parat hat. Wesentliche Fragen hat sie gestellt, einige davon hat sie beantwortet.
Unsere Preisträgerin hat das Würzburger Forschungszentrum aufgebaut, das wir heute ehren. Sie ist allerdings keine Medizinerin, sondern Biologin und Anthropologin. Sie begann als Botanikerin, wechselte von dort „zum Tier“[12] und landete bei der Erforschung der Sprache der Bienen. Von dort ging es weiter zur Bioakustik, der Untersuchung von Tierstimmen, und zur Chronobiologie, die sich mit der „inneren Uhr“ von Lebewesen befasst. Hier spezialisierte sie sich auf die Untersuchung des Vogelgesangs. Von dort her kam sie zu der Frage, ob man vom Babyweinen auf Entwicklungsstörungen im Gehirn des Babys schließen kann. In diesem Zusammenhang hat sie sich auch mit dem baby talk, der Ammensprache beschäftigt. Das ist die Art, wie viele Erwachsene mit Babies sprechen: in einem Singsang mit hoher Stimme, übertriebener Melodik, vielen Dehnungen und einfachem Sprachrhythmus.[13]
Ich mache das lieber nicht nach, sondern bitte Frau Professor Wermke zu mir nach oben, um ihr den Institutionenpreis Deutsche Sprache 2025 zu überreichen.
[1] Kathleen Wermke, Babygesänge. Wie aus Weinen Sprache wird. Graz: Styria Media Group 2024, S. 14.
[2] Wermke, S. 14.
[3] Wermke, S. 179.
[4] Wermke, S. 175.
[5] Wermke, S. 15.
[6] Wermke, S. 98f.
[7] Wermke, S. 71.
[8] Wermke, S. 19, 87-90.
[9] Wermke, S. 59f.
[10] Wermke, S. 121-128.
[11] Wermke, S. 55.
[12] Wermke, S. 31.
[13] Wermke, S. 110-115.

Hape Kerkeling
Liebe Marie-Agnes Strack-Zimmermann, vielen Dank für Ihre wundervollen Worte. Ich fühle mich sehr geehrt durch Ihre Laudatio!
Vielen Dank an die Eberhard-Schöck-Stiftung und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung!
Sehr geehrte Damen und Herren, oder vielleicht sagt man heute auch einfach: Sehr geehrte HerrInnen!
Reden wir über meine geliebte Muttersprache. Tatsächlich war es nämlich meine Mutter, die mir die Liebe zur Sprache beigebracht hat. Ihre Stimme war klar und fest und gleichzeitig humorvoll und liebevoll. Meine Mutter ließ keine Pointe aus, und ihre Wortwahl war immer treffsicher und salopp. Aber auch das Lachen und Weinen, so habe ich es von Margret gelernt, gehören zu meiner Sprache.
Sprache gibt eben nicht nur Sinn, Verstand und Bedeutung, sondern ist vor allem auch Gefühlsausdruck. Oder, wie der Lateiner sagen würde, Emotion. Wortwörtlich übersetzt heißt das: Herausbewegung. Der Lateiner bewegt sich also im Fühlen aus sich heraus. So was gibt es in unserem Kulturkreis nur in der Colonia Agrippina am Vater Rhein. Der Deutsche bleibt gefühlsmäßig mehr bei sich. ‚Sticum‘ – das kann man auch verklemmt nennen. ‚Sticum‘ kommt aus dem Altgermanischen und bedeutet ‚stechen‘. Der Deutsche leidet und freut sich also in sich hinein.
In der Theatergruppe am Marie-Curie-Gymnasium in Recklinghausen lernte ich bei meiner gestrengen Literaturlehrerin Gabi Droste, wie man die Sprache zum nützlichen Instrument und tauglichen Werkzeug machen kann. Erst einmal hat sie mir den schrecklichen Ruhrpott-Slang abgewöhnt.
„Hör mal, haste, weißte, kennste, ne, du Flitzpiepe? Gehste auf Trallafitti, wo wohnste, wat willste?“
Um mit Sprache wirklich selbstbewusst umgehen zu können, darf man nicht im regionalen Jargon hängen bleiben, sondern man braucht unbedingt die Draufsicht. Hochdeutsch ist dieser relativ neutrale Blick von oben. Keimfrei und antibakteriell. Lustig ist das nicht, aber praktisch. Denn erst die Basis, das Hochdeutsche, erlaubte mir auch, in andere Dialekte einzutauchen und mich in ihnen zu wälzen. Der Dialekt erst hat Charakter, womit ich nicht behaupten will, Hochdeutsch sei charakterlos. Hochdeutsch ist ungezähmt, geistreich. Und glauben Sie mir: unscharf.
Da ich kein Sprachwissenschaftler bin, nähere ich mich meiner Muttersprache mit dem Herzen und ganz nach dem Gefühl, denn das ist Deutsch meiner Analyse nach: eine Herzenssprache. Es passiert innerlich so viel in uns deutschsprachigen Menschen zwischen Flensburg, Wien und Vaduz, dass es unsere Muttersprache zu einem fantasievollen Idiom des Geistes macht.
Deutsch besitzt allerdings eine beinahe dramatische Schwäche. Anders als den romanischen Sprachen fehlt es Deutsch an Beschreibungsschärfe. Dieses Ungenaue bringt es jedoch dort zur Meisterschaft, wo es sich dem Ungefähren und dem in der Wirklichkeit nicht Wahrnehmbaren nähert. Deutsch lässt sich demnach nicht korrekt sprechen sondern nur ungefähr richtig oder eben nicht ganz falsch. Ein überraschend unordentliches Idiom.
Mit der heutigen Preisverleihung beweisen Sie übrigens die Richtigkeit meiner These. Denn wofür werde ich heute gelobt? Es muss ja doch auch an den von mir verwendeten unscharfen Redewendungen liegen, die ja fast schon Folklore geworden sind. Beispielsweise: „Ja, da weißte Bescheid, Schätzelein“. Das ist nicht besonders genau formuliert, das gebe ich zu, trifft aber doch irgendwie den Kern. Ähnlich wie: „Ich hab Rücken“. Stimmt nun gar nichts. Trotzdem: auch das klingt irgendwie treffsicher. Genauso wie „Ich hab Füße“ oder wahlweise „Ich habe Kreislauf (und frag nicht wie) (Schnarchgeräusch) Schnappatmung
Aber diese Formulierungen alleine können nicht zur Entscheidung der Jury geführt haben. Vielleicht waren es doch eher die Schlagworte wie „Witzigkeit“ – das Wort gibt es so nicht – oder „Hurz“. Das Wort gibt es nicht nur nicht, vor allem ist es auch gar kein Deutsch. Es klingt nur so. Dieses Nicht-Wort steht inzwischen allerdings im Duden, weil ein findiger Informatikprofessor beschlossen hat, in Zukunft den Testlauf für neue Computerprogramme HURZ zu nennen.
In Zukunft können Sie also getrost vom Hurz sprechen und wissen, er existiert. Vielleicht mochte die Jury ja auch die Redewendung „Lecker Mittachessen“. Das ist wieder ganz falsches Deutsch. Vielleicht wurde mir der Preis also doch am Ende zuerkannt wegen des von mir geprägten Begriffs „Ich bin dann mal weg“. Das ist auch falsch. Es müsste nämlich heißen: „Ich bin dann einmal weg“. Das wäre zwar richtig, klingt aber so daneben. Kleiner Tipp: Falsches Deutsch muss immer etwas Überzeugendes haben.
Meine Vorliebe für falsches, kreatives Deutsch wurde eindeutig im Lateinunterricht geweckt. Denn erst der Lateinunterricht von Frau Reicke führte mir die Grenzen meiner Muttersprache schonungslos vor Augen. Deutsch ist ungenau. Des Öfteren lautete die Aufgabe: Übersetze aus „De Bello Gallico“, über den Gallischen Krieg, was mich zu grotesk ausschweifenden Übersetzungen trieb wie: „Er wäre seiner Natur nach ein zu Besiegender gewesen geworden“. Ich schwöre, das ist die Originalübersetzung des Satzes. Am Rand meines Heftes stand dann fettrot markiert der Vermerk: „Ausdruck, Hans-Peter!“. Die lateinische Grammatik, die mich eher an einen Logarithmus als an die Statik einer sprechbaren Sprache erinnerte, war für mich nur mit Witz in den Griff zu kriegen. Was mich rettete, war meine Vokabelkenntnis. Als Wortschatzkönig übersetzte ich zwar einerseits fast jedes Wort irgendwie richtig. Aber andererseits schrieb ich auch die glorreiche Geschichte des römischen Imperiums blumig und leichtfüßig um. Selbst die absurdesten und unbedeutendsten Volksstämme erhielten von mir eine echte Chance auf die Eroberung Roms. Denn die Römer waren nach meiner Auslegung nicht nur „zu Besiegende“ gewesen, sondern auch „Besiegtwarende“ geworden. Ich kann nur sagen, gut, dass ich kein Altgriechisch in der Schule hatte, sondern stattdessen Holländisch.
Trotzdem, irgendwie fand ich, das Lateinische war prägnanter, präziser und brachte die Dinge genauer auf den Punkt als meine Muttersprache. Als ich dann später Italienisch lernte, verfestigte sich dieser Eindruck. Sicher, das Italienische klingt romantisch, melodisch, aber dem Wesen nach ist es eigentlich die perfekte Sprache für Gesetzestexte, Hausordnung und Gebrauchsanweisung. Eine praktische und handliche Sprache, genau das Richtige fürs Militär. Wenn ich daheim ein neues technisches Gerät installieren muss, lese ich grundsätzlich die italienische Gebrauchsanweisung. Sie ist immer um ein Drittel kürzer als die Deutsche und ist genau deshalb unmissverständlicher.
Die italienische Sprache nennt meist zuerst das Ergebnis und beschreibt dann den Weg dorthin. Man könnte es also eine ergebnisorientierte Sprache nennen. Die deutsche Sprache beschreibt dagegen zuerst den umständlichen Weg zum eigentlichen Ergebnis. Ein ganz lapidares Beispiel, das Wort „Kartoffelsalat“. In letzter Konsequenz ist das ein Salat. Das nennt der Italiener zuerst. Der Weg zum Salat führt über die gekochte Kartoffel. Das käme also erst hinterher. Ergebnis: Insalata di patate – Salat von der Kartoffel. Salatkartoffel ist im Deutschen wiederum etwas ganz anderes.
Der Deutsche denkt also die Sache von hinten nach vorne, umständlich, irgendwie detailversessen. Italiener machen es umgekehrt. Erstaunlich zielorientiert, ohne Umwege. Deutsch klingt sachlich und technisch, ist aber eine zutiefst romantische Sprache. Besonders genau wird das Deutsche nämlich vor allem da, wo andere Sprachen und Völker scheinbar nicht mehr so ganz genau hinsehen oder hinfühlen. Beispiele: die Wörter „Wesen“, „Heimat“, „Gemütlichkeit“, „Heimweh“, „Zwielicht“, „Gestalt“. Alles Wörter, die zumindest in keine romanische Sprache wortwörtlich übersetzt werden können. Das Deutsche transportiert bei vielen Ausdrücken auch einen Gefühlseindruck, den romanische Sprachen nicht so gut vermitteln können. „Zwielicht“ übersetzt der Italiener mit „Dämmerung“; „Gestalt“ mit „Form“ und „Figur“ und „Heimweh“ gar mit „Nostalgie“.
Aber eine zwielichtige Gestalt, die Heimweh hat, ist doch etwas ganz anderes als eine dämmrige Figur, die an Nostalgie leidet. Es ist unübersetzbar. Und was man nicht übersetzen kann, sollte man übernehmen. „Gestalt“ heißt auf Italienisch mittlerweile „la gestalt“.
Andersherum gilt das natürlich genauso. Man versuche einmal spaßeshalber das Wort „Informazione“ ins Deutsche zu übersetzen. Genau genommen ist das eine Mischung aus den Worten „Nachricht“, „Unterrichtung“, „Weisung“, „Hinweis“, „Hilfe“ und „Botschaft“. Aber alles irgendwie auch nicht genau.
Meine These lautet deshalb: Wir Deutschen wollen es deshalb gerne so perfekt haben, weil unsere Sprache so unscharf und umständlich ist. Die Italiener können sich ihr kreatives Chaos erlauben, weil ihr aufs Wesentliche konzentrierter Militärslang ohnehin wenig Platz für Missverständnisse lässt.
Es ist also gut und wichtig, dass sich die Sprachen der Welt untereinander und gegenseitig befruchten und bereichern. Neue Begriffe gestatten uns, in die Gedanken und die Gefühlswelt anderer Völker einzutauchen und führen zu einem größeren Verständnis für fremde Kulturen.
Allerdings nicht immer. Es gibt auch Auswüchse, vor allem da, wo wir als Deutsche uns des Englischen bemächtigen. Denn was bitte ist zum Beispiel ein Backshop? Für einen Engländer ist das ein Backshop, entweder ein Rückgeschäft oder ein Laden, der einfach hinten liegt.
Das Deutsche ist eine Sprache, die sich besonders und mehr als andere zum Durchdringen von fantastischen Theorien und zur Wahrheitsfindung eignet. Also eine philosophische Sprache. Die deutsche Sprache interessiert sich nicht so sehr für das, was offensichtlich und klar ist, sondern für das, was nicht ist. Und das zeigt sich, glaube ich, auch in unserem Humor. Wenn ich in Interviews gefragt werde, was der Unterschied zwischen britischem und deutschem Humor ist, dann sage ich: Der englische Humor sagt sehr scharf, was ist, und der deutsche Humor sagt genauso scharf, was nicht ist. Engländer sagen:”Why is it so?” Der Deutsche fragt: “Wieso ist das nicht so?” Und wenn man versucht, treffend, klar und einfach zu beschreiben, muss man manchmal, fürchte ich, falsches Deutsch sprechen.
Ich werde jedenfalls weiter nach Worten und Wörtern suchen, die das Herz erwärmen und hoffentlich das Zwerchfell massieren.
Herrlich die Anekdote, die mir in den Sinn kommt, weil wir in Baden-Baden sind, als eine Mitarbeiterin meines Verlages in einem Kölner Nobelhotel mit Bademantel und Saunahandtuch bekleidet auf der Suche nach dem Wellnessbereich vom Raum „Baden“ neben dem Raum „Franken“ landete und nicht schlecht staunte, als sie bemerkte, dass es sich dabei um einen Konferenzraum ohne Schwimmbecken handelte.
Nicht immer steht im Deutschen drin, was draufsteht. Und so klingt zum Beispiel das Wort „Wuppertal“ für mich nicht mehr nur nach einer Stadt im Bergischen Land, sondern irgendwie auch nach einem inneren Gefühl der Freude.
Wuppertal!
Sprache ist ein lebendiges, atmendes Wesen. Sie verändert sich, sie wächst und sie passt sich an. Ich kann nur sagen, ich liebe mein Werkzeug. Ich liebe die deutsche Sprache, sie ist der Kern all meiner Arbeit, meines Denkens, meines Seins. Sie ist mein liebstes Spielzeug und meine schärfste Waffe. Ich habe mit ihr gelacht, geweint, provoziert, getröstet. Ich habe sie verdreht, ihr neue Facetten entlockt und ihre vermeintlichen Schwächen versucht in Stärken zu verwandeln.
Die deutsche Sprache, so oft als sperrig und umständlich belächelt, ist in Wahrheit ein unendlich reicher Garten voller Möglichkeiten. Sie besitzt eine romantische Präzision und Schärfe, die ihresgleichen sucht. Und Deutsch ist, wie ich finde, eine leckere Sprache. Und damit sie irgendwann mal alle in unserem Land beherrschen, spende ich mein Preisgeld an den Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V. in Münster.
Und ja, unsere Sprache hat auch ein paar seltsame, schrullige Eigenheiten entwickelt, die sie gerade so liebenswert machen. Ich verspreche Ihnen jedenfalls, die deutsche Sprache weiterhin zu lieben, zu hegen und zu pflegen und weiter nach Wörtern zu suchen, die irgendwie nach „Wuppertal“ klingen. Vielen Dank.

Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann
Mitglied des Europäischen Parlaments
Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Bürgermeister, lieber Herr Kerkeling,
da man mich im Vorfeld dieses Nachmittags streng darauf hinwies, dass ich bitte nicht länger als 15 Minuten sprechen soll, und dass ich in meiner Ausführung den Schwerpunkt auf die Aspekte Ihrer Qualitäten in Bezug auf die deutsche Sprache in den Mittelpunkt stellen möge, weil ich als, ich zitiere: „promovierte Germanistin dafür prädestiniert sei“, mache ich mich jetzt auf diesen sprachlich herausfordernden Weg, obwohl ich offen gestanden mehr Politologin, gerne in der 5. Jahreszeit Karnevalistin bin und privat schlichtweg guten Humor liebe. Und als Politikerin grundsätzlich immer so lange spreche, bis alle resigniert meiner Meinung sind, bemühe ich mich also jetzt, den heutigen Anforderungen gerecht zu werden, dem Zorn der Jury zu entgehen und die Erwartungshaltung aller heute anwesenden Intellektuellen auch Genüge zu tun.
Wie hält man eine Laudatio auf jemanden, der so sprachgewaltig und so phantasievoll ist wie Sie? Der Wörter zusammenbringt, diese zu einer Geschichte formt, obwohl die jeweiligen Begriffe nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben und doch irgendwie aufs Wunderbarste zusammenpassen.
Wie hält man eine Laudatio auf jemanden, der es geschafft hat, dass Millionen Menschen nicht mehr sagen: „Herr Doktor, ich habe Rückenschmerzen“, sondern lediglich ein trockenes: „ich habe Rücken“ von sich geben?
Der es hinbekommen hat, dass Millionen von Menschen, die etwas schwächeln, erklären: „ich habe Kreislauf“, der es gemeistert hat, dass Millionen Menschen, die Zoff mit dem Nachbarn haben auf: “ich habe Hals“ verweisen und deren schiere Verzweiflung auf das Leben als solches und im Allgemeinen reduziert wird auf ein einziges Wort, welches bis dato nur der Pneumologe kannte: „Schnappatmung“.
Ihre Art von Humor, Herr Kerkeling, Ihre Beobachtungsgabe des Alltäglichen, hat ohne Zweifel Einfluss auf die deutsche Sprache genommen.
Das ist nur ganz wenigen Humoristen vor Ihnen gelungen, allen voran Karl Valentin, der treffend formulierte: “Jedes Ding hat drei Seiten. Eine positive, eine negative und eine komische.“
Ich beginne mit dem Fazit meiner Laudatio:
Die sprachliche Qualität Hape Kerkelings liegt in seiner außergewöhnlichen Flexibilität:
Er kann zwischen Ernsthaftigkeit und Komik blitzschnell wechseln, Dialekte und Akzente mit Perfektion darstellen, Figuren allein über die Stimme unverwechselbar machen und zugleich als Autor eine literarische Stimme sein, die Millionen erreicht.
Lieber Herr Kerkeling,
Sie bekommen heute den „Kulturpreis Deutsche Sprache“ von der Eberhard-Schöck-Stiftung verliehen, einer Stiftung, die die menschliche Sprache erforscht, in der Tradition der deutschen Aufklärung und der Brüder Grimm, deren Sprachkritik und Sprachforschung das Deutsche allen Bevölkerungsschichten zugänglich machen wollte.
Jacob und Wilhelm Grimm konnten natürlich nicht ahnen, wie sich die Sprache 150 Jahre später unter dem Einfluss der Sozialen Netzwerke verändern würde.
Denn als diese Auszeichnung im Jahre 2001 zum ersten Mal verliehen wurde an Persönlichkeiten, die sich um den Erhalt und die kreative Weiterentwicklung der deutschen Sprache verdient gemacht haben, gab es noch kein TikTok.
Da waren Menschen durchaus noch in der Lage, sachliche Zusammenhänge zu erkennen, nicht auf jeden Mist im Internet reinzufallen und mehr als drei Worte hintereinander fehlerfrei zu artikulieren, ohne im Anschluss, völlig erschöpft, sich wieder dem Netzwerk hinzugeben, in der Hoffnung viel Zuspruch von einer ihnen unbekannten amorphen Masse zu erhalten.
Wo Augenblicke – ohne Worte – zusehends durch Bilder abgelöst werden und die Kommunikation prägen und sogenannte TikTok-Ratgeber es als sehr wichtig erachten, „den Sonnenuntergang am Traumstrand unbedingt liegend festzuhalten…“
Sie sind nicht nur ein begnadeter Entertainer, lieber Herr Kerkeling, sondern ein Kulturbotschafter der deutschen Sprache, denn Sie sind einer der vielseitigsten Sprachkünstler im deutschsprachigen Raum.
Denn die Qualität im Umgang mit der deutschen Sprache zeigt sich bei Ihnen auf ganz vielen Ebenen:
als Sprecher, Dialekt- und Mundartimitator, als Synchronsprecher und als Autor.
Als Sprecher und Entertainer…
…verfügen Sie über eine klare, wandelbare und ausdrucksstarke Stimme – Sie können übrigens toll singen -, die Sie sowohl in komödiantischen als auch in ernsten Kontexten einsetzen.
Ihre Fähigkeit, Intonation und Rhythmus präzise zu steuern, macht Sie zu einem Meister der Pointensetzung.
Auf diese Fähigkeit hat vor kurzem Iris Berben hingewiesen: „Komödie ist die Königsdisziplin im Schauspiel. Kein anderes Genre ist so sehr auf Timing und Präzision ausgelegt.“
Diese Königsdisziplin beherrschen Sie. Diese Präzision der Übersetzung ist auch mit ein Grund, warum Ihre Bühnenfiguren – und da gibt es ja dutzende – allen voran der große Politiker Horst Schlämmer, so populär sind. Der stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatt wurde so bekannt, dass Sie nichts weniger als den Grimme-Preis, einen der renommiertesten Medienpreise Deutschlands, für diese Darstellung bekamen.
Und welche Freude von Ihnen zu erfahren, dass Horst Schlämmers Geschichte noch nicht auserzählt ist.“
Die Jury bemerkte seinerzeit:
„Kerkelings Kunst heißt, das schwierige U der Fernsehunterhaltung auf höchst und intelligente Weise immer wieder neu zu buchstabieren und zu interpretieren, hintergründig und selbst reflektierend, doch nicht zuletzt auch aggressiv und subversiv, mit den Mitteln der Verfremdung und der Verballhornung.“
Als Mundart- und Dialektimitator…
…sind Sie bekannt für Ihr außergewöhnliches Talent, regionale Sprachfärbungen, Akzente und Dialekte detailgetreu nachzubilden – und wie Sie in einem Interview bestätigt haben, würde es bei Sprache und Dialekten bei Ihnen sofort „Klick“ machen, denn nicht nur gängige deutsche Dialekte wie Kölsch, Sächsisch, Bayrisch, Schwäbisch oder Borbecker Platt, setzen Sie humorvoll, wohl gemerkt, nicht despektierlich ein.
Diese Imitationen sind mehr als bloße Parodien, sondern zeugen von einem unfassbaren Sprachgefühl, musikalischer Begabung und ausgeprägter Beobachtungsgabe.
Einer Reisebeschreibung von Ihnen durch Deutschland zu folgen, ist perfekt und grandios komisch und zeigt auch dem Reisebegleiter, wieviel kleinteilige Sprachfärbungen, Dialekte und damit ganz unterschiedliche sprachliche Nuancen wir innerhalb der deutschen Sprache haben.
Auch fremde Akzente, natürlich der niederländische, schweizerische, österreichische oder frei erfundene Sprachmischungen, klingen unfassbar authentisch und sind eine schiere Revolution für unsere Sinne.
Wenn Sie zum Beispiel ein Chanson singen, in dessen Text nur Worte aneinandergereiht werden wie: Marseille, Voilà, Tour de France, ça c’est tout, vive la France, oder Sie den „zweitplatzierten“ italienischen Sänger des Eurovision Song Contest persiflieren, selbstredend nicht ohne kurz mal darauf hinzuweisen, dass Deutschland bei diesem internationalen Musikspektakel grundsätzlich letztplatziert ist.
Als Synchronsprecher…
…bringen Sie ihre Vielseitigkeit genauso ein. Jeder sollte die deutsche Stimme von Olaf dem Schneemann in Disneys „Eiskönigin“ gehört und genossen haben.
Hier zeigt sich Ihre Gabe, eine Figur mit stimmlicher Nuance, Energie und komödiantischer Präzision unverwechselbar zu prägen. Ihre Stimme transportiert Emotionen, Ironie und Witz in einer Weise, die auch unabhängig vom Betrachten des Bildes bestehen kann.
Als Autor…
…setzen Sie das um, was Sie selbst beschrieben haben als „Elementare Kunst“.
Ihre Bücher wie: „Ich bin dann mal weg“ oder „Der Junge muss an die frische Luft“ zeigen, dass Sie auch als Schriftsteller ein ganz ausgeprägtes Sprachgefühl besitzen.
Ihr Schreibstil zeichnet sich eben auch durch Leichtigkeit, Humor und sprachliche Präzision aus, gleichzeitig aber auch durch Tiefe und Ernsthaftigkeit, wenn Sie persönliche Erlebnisse oder Lebenserfahrungen reflektieren. Die Texte wirken nie gekünstelt, man hört nicht das Papier der Schwere und der Bedeutung rascheln, sondern sie sind in einer authentischen, lebendigen Alltagssprache gehalten, die sowohl literarischen Anspruch als auch große Lebensnähe vereint und damit gewollt oder ungewollt ihren Lesern Lebenshilfe gewährt.
Es ist kein Zufall, dass sie damit ein Millionenpublikum erreichen und sich inzwischen viele Ihrer Leser auf den Jakobsweg gemacht haben, wenn auch nicht ganz so viele wie auf den Weg zum Mount Everest. Dort stehen die Sinnsuchenden ab 7000 Meter inzwischen Schlange.
Ein Kritiker schrieb einmal zu Ihrem Buch, nicht verschweigend, dass er im Vorfeld mit der humorvollen Unterhaltung bis dato weniger anzufangen wusste:
„Da benötigt es keines ausgefeilten Platzes oder einer aufgebauten Dramaturgie. Die Realität genügt. Es ist unterhaltsam und liest sich wunderbar einfach. Was ich aber besonders spannend fand, waren seine Beschreibungen zu dem inneren Kampf auf der Pilgerreise und seiner Suche nach Gott. Das driftet keinesfalls ins Esoterische ab, sondern bleibt stets auf einer sehr rationalen Ebene. „Ich bin dann mal weg“ ist informativ und weise“.
Der WDR, lieber Herr Kerkeling, hat Sie einmal angekündigt mit den Worten: hinter Ihnen stünde eine ganze Nation.
Ob man das heute wirklich noch will, dass so viele hinter einem stehen, lassen wir mal dahingestellt, weil auch Sie erleben müssen, wenn Sie sich zur gesellschaftlichen Lage in Deutschland – und damit politisch äußern-, dass einige von denen, die hinter Ihnen stehen, verbal durchaus ein Messer wetzen.
An der Stelle möchte ich einschieben, dass, wenn wir in die Vereinigten Staaten schauen, Jon Stewart, ein Amerikaner, ein Kabarettist, 2022 sagte, und zwar bei einer Preisverleihung:
Comedians seien die ersten, die weggeschickt würden, wenn eine Gesellschaft unter Druck gerate durch die eigene Regierung.
Autokraten seien eine Bedrohung für Comedy, für die freien Künste, für die Musik, das Denken, die Poesie und den Fortschritt.
Im Publikum saß seinerzeit übrigens auch Jimmy Kimmel – wie Stewart ein Comedian mit Millionen Fans und eigener Late-Night-Show.
Deswegen ist es mutig sich politisch zu äußern.
Ihre vielen Millionen Fans werden sich, um die sprachwissenschaftliche Betrachtung zu bemühen, sicherlich nicht mit der Phonologie, der Morphologie, der Syntax, der Semantik und der Pragmatik ihrer Sprache auseinandersetzen.
Sie fangen die Menschen „einfach“ ein.
Und das hat sich schon sehr früh in Ihrem Leben herauskristallisiert.
Sie sehen, ich habe meine Aufgabe als Laudatorin sehr ernst genommen und mich sehr mit Ihnen beschäftigt.
Wenn man Sie nämlich googelt, wird erklärt, dass Sie ein deutscher Komiker, ein Autor, ein TV-Moderator, ein Schauspieler, ein Regisseur, ein Sänger, ein Hörspiel- und Synchronsprecher seien.
Man könnte der Meinung sein, ob das nicht alles ein bisschen übertrieben ist mit den Begabungen, welche der liebe Gott ihn offensichtlich in die Wiege gelegt und das Deutsche Fernsehen – welch ein Glück – sehr früh entdeckt hat.
Gut, Sie machen seit 40 Jahren nichts anderes, da darf man schon was erwarten…
Einigen wir uns darauf, dass, ohne Ihr Talent mit Sprache zu jonglieren, Sie vermutlich zwar weniger sprachlos, aber dann doch den meisten über Recklinghausen hinaus unbekannt geblieben wären.
Der Literat in Ihnen legt uns zwar nahe, dass in Ihnen blaues Blut fließt. Ohne Ihre Fähigkeit, aus Sprache, gewissermaßen einen doppelten Rittberger zu machen, wären Sie als Genie aber verkannt worden.
Möglicherweise wären Sie schon frühzeitig in den Grachten der „klebrig-leckeren Stadt Amsterdam“, wie Sie es beschreiben, unter die Schiffsschraube geraten, oder doch zutiefst enttäuscht, vermutlich in Armut lebend in den See gegangen, wie einst der bayerische Märchenkönig Ludwig II, der sich vor Kummer im heimischen Starnberger See ertränkte, das Pendant zum „Müllteich in Recklinghausen“.
Und ganz sicher wären Ihre Handabdrücke nicht in der Mall of Fame der Lloyd Passage in Bremen, die deutsche Antwort auf den Walk of Fame in Hollywood.
Strenggenommen gehörten Sie aber genau zu letzterem, denn Sie lassen mit ihrem sprachlichen Ausdrucksvermögen soziale Beziehungen und Denkweisen filmreif aufleben.
Sie schaffen es nämlich Ernstes mit pointiertem Witz zu verbinden. „Ich bin Organspender, brauchst du was?“
Und es ist einfach nur wunderbar, wenn Sie in einer Ihrer vielen Geschichten aus einem einfachen Apfelkuchen ein Feuerwerk der Backkunst machen:
Das Apfel-Riemchen, den böhmischen Apfelstrudel, den original Breisgauer Boskop-Batzen, die andalusische Apfel-Renetten-Paella, den Warschauer Granatbrocken-Mürbeteig, den bolivianischen Baumkuchen, die tasmanischen Teigtaschen-Törtchen, die kalifornischen Maracuja-Maronen-Marillen-Muffins oder das geeiste Wassermelonen Törtchen – selbstverständlich mit ganzen Früchten…
Die Sprache tobt sich hier aus, und man fragt sich, ob es diese unterschiedlichsten Kuchensorten nicht wirklich gibt. Zumindest kennen wir zweifellos die schlüpfrige Variante: den „gedeckten Apfelkuchen“.
Oder genervt von dem Problem, dass im Café nur eine Verkäuferin auf 21 Kunden kommt, und Sie den Bogen zur Titanic schlagen, dort gäbe es auch nur 18 Rettungsboote für 2000 Passagiere, um dann sogleich wieder in der Backstube zu landen mit der Frage: „Haben Sie „Eissplitter-Törtchen“.
Und selbst in der ernstesten Situation schaffen Sie mit einem Wort den Druck vom Kessel zu nehmen.
Vor zwei Jahren hielten Sie eine sehr bewegende Rede in der Düsseldorfer Synagoge, politisch, mutig, emotional empathisch, als Staatsbürger, weil Sie eben kein, wie Sie selbst betonen „Soziologe, Wissenschaftler, Historiker oder Politiker“ sind. Es war totenstill im Raum, die Zuhörer ergriffen. Und Sie haben mit einem einzigen Wort die Spannung plötzlich aufgelöst.
Und wir wissen, wie dankbar Ihnen die anwesenden Menschen dafür waren, denn es folgte daraufhin ein rauschendes erleichtertes Lachen, als Sie am Ende Horst Schlämmers „Schätzelein“ grunzten.
Der Kritiker ihres Titels: „Ich bin dann mal weg“, legte übrigens nach: „Nach diesem Buch bin ich ein großer Fan von Hape Kerkeling, nicht von ihm als Komiker, sondern als Mensch.“
Beileibe ist er damit nicht allein.
Denn lieber Herr Kerkeling, ich gehöre zweifellos auch dazu und träume immer noch von einer kleinen Nebenrolle, wenn Horst Schlämmer erneut verkündet: „Isch kandidiere“.
Ich gratuliere Ihnen von Herzen zu dieser großartigen Auszeichnung und schließe mich Ihren Worten an, befürchtend, dass meine Laudatio deutlich länger als 15 Minuten geworden ist:
„Je länger Sie klatschen, meine Damen und Herren, desto weniger müssen wir reden.“