
Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann
Mitglied des Europäischen Parlaments
Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Bürgermeister, lieber Herr Kerkeling,
da man mich im Vorfeld dieses Nachmittags streng darauf hinwies, dass ich bitte nicht länger als 15 Minuten sprechen soll, und dass ich in meiner Ausführung den Schwerpunkt auf die Aspekte Ihrer Qualitäten in Bezug auf die deutsche Sprache in den Mittelpunkt stellen möge, weil ich als, ich zitiere: „promovierte Germanistin dafür prädestiniert sei“, mache ich mich jetzt auf diesen sprachlich herausfordernden Weg, obwohl ich offen gestanden mehr Politologin, gerne in der 5. Jahreszeit Karnevalistin bin und privat schlichtweg guten Humor liebe. Und als Politikerin grundsätzlich immer so lange spreche, bis alle resigniert meiner Meinung sind, bemühe ich mich also jetzt, den heutigen Anforderungen gerecht zu werden, dem Zorn der Jury zu entgehen und die Erwartungshaltung aller heute anwesenden Intellektuellen auch Genüge zu tun.
Wie hält man eine Laudatio auf jemanden, der so sprachgewaltig und so phantasievoll ist wie Sie? Der Wörter zusammenbringt, diese zu einer Geschichte formt, obwohl die jeweiligen Begriffe nicht zwingend etwas miteinander zu tun haben und doch irgendwie aufs Wunderbarste zusammenpassen.
Wie hält man eine Laudatio auf jemanden, der es geschafft hat, dass Millionen Menschen nicht mehr sagen: „Herr Doktor, ich habe Rückenschmerzen“, sondern lediglich ein trockenes: „ich habe Rücken“ von sich geben?
Der es hinbekommen hat, dass Millionen von Menschen, die etwas schwächeln, erklären: „ich habe Kreislauf“, der es gemeistert hat, dass Millionen Menschen, die Zoff mit dem Nachbarn haben auf: “ich habe Hals“ verweisen und deren schiere Verzweiflung auf das Leben als solches und im Allgemeinen reduziert wird auf ein einziges Wort, welches bis dato nur der Pneumologe kannte: „Schnappatmung“.
Ihre Art von Humor, Herr Kerkeling, Ihre Beobachtungsgabe des Alltäglichen, hat ohne Zweifel Einfluss auf die deutsche Sprache genommen.
Das ist nur ganz wenigen Humoristen vor Ihnen gelungen, allen voran Karl Valentin, der treffend formulierte: “Jedes Ding hat drei Seiten. Eine positive, eine negative und eine komische.“
Ich beginne mit dem Fazit meiner Laudatio:
Die sprachliche Qualität Hape Kerkelings liegt in seiner außergewöhnlichen Flexibilität:
Er kann zwischen Ernsthaftigkeit und Komik blitzschnell wechseln, Dialekte und Akzente mit Perfektion darstellen, Figuren allein über die Stimme unverwechselbar machen und zugleich als Autor eine literarische Stimme sein, die Millionen erreicht.
Lieber Herr Kerkeling,
Sie bekommen heute den „Kulturpreis Deutsche Sprache“ von der Eberhard-Schöck-Stiftung verliehen, einer Stiftung, die die menschliche Sprache erforscht, in der Tradition der deutschen Aufklärung und der Brüder Grimm, deren Sprachkritik und Sprachforschung das Deutsche allen Bevölkerungsschichten zugänglich machen wollte.
Jacob und Wilhelm Grimm konnten natürlich nicht ahnen, wie sich die Sprache 150 Jahre später unter dem Einfluss der Sozialen Netzwerke verändern würde.
Denn als diese Auszeichnung im Jahre 2001 zum ersten Mal verliehen wurde an Persönlichkeiten, die sich um den Erhalt und die kreative Weiterentwicklung der deutschen Sprache verdient gemacht haben, gab es noch kein TikTok.
Da waren Menschen durchaus noch in der Lage, sachliche Zusammenhänge zu erkennen, nicht auf jeden Mist im Internet reinzufallen und mehr als drei Worte hintereinander fehlerfrei zu artikulieren, ohne im Anschluss, völlig erschöpft, sich wieder dem Netzwerk hinzugeben, in der Hoffnung viel Zuspruch von einer ihnen unbekannten amorphen Masse zu erhalten.
Wo Augenblicke – ohne Worte – zusehends durch Bilder abgelöst werden und die Kommunikation prägen und sogenannte TikTok-Ratgeber es als sehr wichtig erachten, „den Sonnenuntergang am Traumstrand unbedingt liegend festzuhalten…“
Sie sind nicht nur ein begnadeter Entertainer, lieber Herr Kerkeling, sondern ein Kulturbotschafter der deutschen Sprache, denn Sie sind einer der vielseitigsten Sprachkünstler im deutschsprachigen Raum.
Denn die Qualität im Umgang mit der deutschen Sprache zeigt sich bei Ihnen auf ganz vielen Ebenen:
als Sprecher, Dialekt- und Mundartimitator, als Synchronsprecher und als Autor.
Als Sprecher und Entertainer…
…verfügen Sie über eine klare, wandelbare und ausdrucksstarke Stimme – Sie können übrigens toll singen -, die Sie sowohl in komödiantischen als auch in ernsten Kontexten einsetzen.
Ihre Fähigkeit, Intonation und Rhythmus präzise zu steuern, macht Sie zu einem Meister der Pointensetzung.
Auf diese Fähigkeit hat vor kurzem Iris Berben hingewiesen: „Komödie ist die Königsdisziplin im Schauspiel. Kein anderes Genre ist so sehr auf Timing und Präzision ausgelegt.“
Diese Königsdisziplin beherrschen Sie. Diese Präzision der Übersetzung ist auch mit ein Grund, warum Ihre Bühnenfiguren – und da gibt es ja dutzende – allen voran der große Politiker Horst Schlämmer, so populär sind. Der stellvertretende Chefredakteur des Grevenbroicher Tagblatt wurde so bekannt, dass Sie nichts weniger als den Grimme-Preis, einen der renommiertesten Medienpreise Deutschlands, für diese Darstellung bekamen.
Und welche Freude von Ihnen zu erfahren, dass Horst Schlämmers Geschichte noch nicht auserzählt ist.“
Die Jury bemerkte seinerzeit:
„Kerkelings Kunst heißt, das schwierige U der Fernsehunterhaltung auf höchst und intelligente Weise immer wieder neu zu buchstabieren und zu interpretieren, hintergründig und selbst reflektierend, doch nicht zuletzt auch aggressiv und subversiv, mit den Mitteln der Verfremdung und der Verballhornung.“
Als Mundart- und Dialektimitator…
…sind Sie bekannt für Ihr außergewöhnliches Talent, regionale Sprachfärbungen, Akzente und Dialekte detailgetreu nachzubilden – und wie Sie in einem Interview bestätigt haben, würde es bei Sprache und Dialekten bei Ihnen sofort „Klick“ machen, denn nicht nur gängige deutsche Dialekte wie Kölsch, Sächsisch, Bayrisch, Schwäbisch oder Borbecker Platt, setzen Sie humorvoll, wohl gemerkt, nicht despektierlich ein.
Diese Imitationen sind mehr als bloße Parodien, sondern zeugen von einem unfassbaren Sprachgefühl, musikalischer Begabung und ausgeprägter Beobachtungsgabe.
Einer Reisebeschreibung von Ihnen durch Deutschland zu folgen, ist perfekt und grandios komisch und zeigt auch dem Reisebegleiter, wieviel kleinteilige Sprachfärbungen, Dialekte und damit ganz unterschiedliche sprachliche Nuancen wir innerhalb der deutschen Sprache haben.
Auch fremde Akzente, natürlich der niederländische, schweizerische, österreichische oder frei erfundene Sprachmischungen, klingen unfassbar authentisch und sind eine schiere Revolution für unsere Sinne.
Wenn Sie zum Beispiel ein Chanson singen, in dessen Text nur Worte aneinandergereiht werden wie: Marseille, Voilà, Tour de France, ça c’est tout, vive la France, oder Sie den „zweitplatzierten“ italienischen Sänger des Eurovision Song Contest persiflieren, selbstredend nicht ohne kurz mal darauf hinzuweisen, dass Deutschland bei diesem internationalen Musikspektakel grundsätzlich letztplatziert ist.
Als Synchronsprecher…
…bringen Sie ihre Vielseitigkeit genauso ein. Jeder sollte die deutsche Stimme von Olaf dem Schneemann in Disneys „Eiskönigin“ gehört und genossen haben.
Hier zeigt sich Ihre Gabe, eine Figur mit stimmlicher Nuance, Energie und komödiantischer Präzision unverwechselbar zu prägen. Ihre Stimme transportiert Emotionen, Ironie und Witz in einer Weise, die auch unabhängig vom Betrachten des Bildes bestehen kann.
Als Autor…
…setzen Sie das um, was Sie selbst beschrieben haben als „Elementare Kunst“.
Ihre Bücher wie: „Ich bin dann mal weg“ oder „Der Junge muss an die frische Luft“ zeigen, dass Sie auch als Schriftsteller ein ganz ausgeprägtes Sprachgefühl besitzen.
Ihr Schreibstil zeichnet sich eben auch durch Leichtigkeit, Humor und sprachliche Präzision aus, gleichzeitig aber auch durch Tiefe und Ernsthaftigkeit, wenn Sie persönliche Erlebnisse oder Lebenserfahrungen reflektieren. Die Texte wirken nie gekünstelt, man hört nicht das Papier der Schwere und der Bedeutung rascheln, sondern sie sind in einer authentischen, lebendigen Alltagssprache gehalten, die sowohl literarischen Anspruch als auch große Lebensnähe vereint und damit gewollt oder ungewollt ihren Lesern Lebenshilfe gewährt.
Es ist kein Zufall, dass sie damit ein Millionenpublikum erreichen und sich inzwischen viele Ihrer Leser auf den Jakobsweg gemacht haben, wenn auch nicht ganz so viele wie auf den Weg zum Mount Everest. Dort stehen die Sinnsuchenden ab 7000 Meter inzwischen Schlange.
Ein Kritiker schrieb einmal zu Ihrem Buch, nicht verschweigend, dass er im Vorfeld mit der humorvollen Unterhaltung bis dato weniger anzufangen wusste:
„Da benötigt es keines ausgefeilten Platzes oder einer aufgebauten Dramaturgie. Die Realität genügt. Es ist unterhaltsam und liest sich wunderbar einfach. Was ich aber besonders spannend fand, waren seine Beschreibungen zu dem inneren Kampf auf der Pilgerreise und seiner Suche nach Gott. Das driftet keinesfalls ins Esoterische ab, sondern bleibt stets auf einer sehr rationalen Ebene. „Ich bin dann mal weg“ ist informativ und weise“.
Der WDR, lieber Herr Kerkeling, hat Sie einmal angekündigt mit den Worten: hinter Ihnen stünde eine ganze Nation.
Ob man das heute wirklich noch will, dass so viele hinter einem stehen, lassen wir mal dahingestellt, weil auch Sie erleben müssen, wenn Sie sich zur gesellschaftlichen Lage in Deutschland – und damit politisch äußern-, dass einige von denen, die hinter Ihnen stehen, verbal durchaus ein Messer wetzen.
An der Stelle möchte ich einschieben, dass, wenn wir in die Vereinigten Staaten schauen, Jon Stewart, ein Amerikaner, ein Kabarettist, 2022 sagte, und zwar bei einer Preisverleihung:
Comedians seien die ersten, die weggeschickt würden, wenn eine Gesellschaft unter Druck gerate durch die eigene Regierung.
Autokraten seien eine Bedrohung für Comedy, für die freien Künste, für die Musik, das Denken, die Poesie und den Fortschritt.
Im Publikum saß seinerzeit übrigens auch Jimmy Kimmel – wie Stewart ein Comedian mit Millionen Fans und eigener Late-Night-Show.
Deswegen ist es mutig sich politisch zu äußern.
Ihre vielen Millionen Fans werden sich, um die sprachwissenschaftliche Betrachtung zu bemühen, sicherlich nicht mit der Phonologie, der Morphologie, der Syntax, der Semantik und der Pragmatik ihrer Sprache auseinandersetzen.
Sie fangen die Menschen „einfach“ ein.
Und das hat sich schon sehr früh in Ihrem Leben herauskristallisiert.
Sie sehen, ich habe meine Aufgabe als Laudatorin sehr ernst genommen und mich sehr mit Ihnen beschäftigt.
Wenn man Sie nämlich googelt, wird erklärt, dass Sie ein deutscher Komiker, ein Autor, ein TV-Moderator, ein Schauspieler, ein Regisseur, ein Sänger, ein Hörspiel- und Synchronsprecher seien.
Man könnte der Meinung sein, ob das nicht alles ein bisschen übertrieben ist mit den Begabungen, welche der liebe Gott ihn offensichtlich in die Wiege gelegt und das Deutsche Fernsehen – welch ein Glück – sehr früh entdeckt hat.
Gut, Sie machen seit 40 Jahren nichts anderes, da darf man schon was erwarten…
Einigen wir uns darauf, dass, ohne Ihr Talent mit Sprache zu jonglieren, Sie vermutlich zwar weniger sprachlos, aber dann doch den meisten über Recklinghausen hinaus unbekannt geblieben wären.
Der Literat in Ihnen legt uns zwar nahe, dass in Ihnen blaues Blut fließt. Ohne Ihre Fähigkeit, aus Sprache, gewissermaßen einen doppelten Rittberger zu machen, wären Sie als Genie aber verkannt worden.
Möglicherweise wären Sie schon frühzeitig in den Grachten der „klebrig-leckeren Stadt Amsterdam“, wie Sie es beschreiben, unter die Schiffsschraube geraten, oder doch zutiefst enttäuscht, vermutlich in Armut lebend in den See gegangen, wie einst der bayerische Märchenkönig Ludwig II, der sich vor Kummer im heimischen Starnberger See ertränkte, das Pendant zum „Müllteich in Recklinghausen“.
Und ganz sicher wären Ihre Handabdrücke nicht in der Mall of Fame der Lloyd Passage in Bremen, die deutsche Antwort auf den Walk of Fame in Hollywood.
Strenggenommen gehörten Sie aber genau zu letzterem, denn Sie lassen mit ihrem sprachlichen Ausdrucksvermögen soziale Beziehungen und Denkweisen filmreif aufleben.
Sie schaffen es nämlich Ernstes mit pointiertem Witz zu verbinden. „Ich bin Organspender, brauchst du was?“
Und es ist einfach nur wunderbar, wenn Sie in einer Ihrer vielen Geschichten aus einem einfachen Apfelkuchen ein Feuerwerk der Backkunst machen:
Das Apfel-Riemchen, den böhmischen Apfelstrudel, den original Breisgauer Boskop-Batzen, die andalusische Apfel-Renetten-Paella, den Warschauer Granatbrocken-Mürbeteig, den bolivianischen Baumkuchen, die tasmanischen Teigtaschen-Törtchen, die kalifornischen Maracuja-Maronen-Marillen-Muffins oder das geeiste Wassermelonen Törtchen – selbstverständlich mit ganzen Früchten…
Die Sprache tobt sich hier aus, und man fragt sich, ob es diese unterschiedlichsten Kuchensorten nicht wirklich gibt. Zumindest kennen wir zweifellos die schlüpfrige Variante: den „gedeckten Apfelkuchen“.
Oder genervt von dem Problem, dass im Café nur eine Verkäuferin auf 21 Kunden kommt, und Sie den Bogen zur Titanic schlagen, dort gäbe es auch nur 18 Rettungsboote für 2000 Passagiere, um dann sogleich wieder in der Backstube zu landen mit der Frage: „Haben Sie „Eissplitter-Törtchen“.
Und selbst in der ernstesten Situation schaffen Sie mit einem Wort den Druck vom Kessel zu nehmen.
Vor zwei Jahren hielten Sie eine sehr bewegende Rede in der Düsseldorfer Synagoge, politisch, mutig, emotional empathisch, als Staatsbürger, weil Sie eben kein, wie Sie selbst betonen „Soziologe, Wissenschaftler, Historiker oder Politiker“ sind. Es war totenstill im Raum, die Zuhörer ergriffen. Und Sie haben mit einem einzigen Wort die Spannung plötzlich aufgelöst.
Und wir wissen, wie dankbar Ihnen die anwesenden Menschen dafür waren, denn es folgte daraufhin ein rauschendes erleichtertes Lachen, als Sie am Ende Horst Schlämmers „Schätzelein“ grunzten.
Der Kritiker ihres Titels: „Ich bin dann mal weg“, legte übrigens nach: „Nach diesem Buch bin ich ein großer Fan von Hape Kerkeling, nicht von ihm als Komiker, sondern als Mensch.“
Beileibe ist er damit nicht allein.
Denn lieber Herr Kerkeling, ich gehöre zweifellos auch dazu und träume immer noch von einer kleinen Nebenrolle, wenn Horst Schlämmer erneut verkündet: „Isch kandidiere“.
Ich gratuliere Ihnen von Herzen zu dieser großartigen Auszeichnung und schließe mich Ihren Worten an, befürchtend, dass meine Laudatio deutlich länger als 15 Minuten geworden ist:
„Je länger Sie klatschen, meine Damen und Herren, desto weniger müssen wir reden.“